Die Fotografin Missy Wiggins lebt in Detroit in einem
Viertel, in dem Straßenkämpfe an der Tagesordnung sind. Es gibt
Rassenprobleme, auch - oder gerade - nach der Wahl des schwarzen US-
Präsidenten Obama. Schwarze und Weiße liefern sich mal kalten, mal heißen
Krieg, obwohl es den einen wie den anderen nicht gut geht in dieser
halbtoten Stadt mit geschlossenen Autofabriken, mit 4 000 leeren Bauten -
verlassen, verbrettert, vermauert. Straßenschilder rosten. Auf
Bürgersteigen wächst Gras, wilde Hunde streunen. Wer Detroit besucht,
sollte auf trostlose Szenen gefasst sein.
Wiggins fotografierte auf den Straßen jüngere Weiße,
Leute wie sie selbst. Und dann hat sie die Porträts so bearbeitet und
verfremdet, dass aus den sechs Weißen Schwarze wurden. Allein die Haare
blieben unverändert: blond, hellbraun, rot. Und der Hintergrund ist in ein
unwirkliches weiß-schwefliges Licht getaucht. Wiggins weiß, sie hat
Zombies produziert. Der Anblick dieser Manipulation sollte nicht bloß
komisch sein, er will aufstören, die Frage provozieren: Wie sähe ich aus,
wäre ich schwarz?
Dreizehn Künstler aus Detroit stellen das erste Mal in
Berlin aus, Galeristin Eva Bracke war in die amerikanische Autostadt am
Eriesee nahe der Grenze zu Kanada gereist. Dorthin brachte die
Junggaleristin zuerst Berliner Künstler für eine Schau ins Museum of New
Art (MONA). Die Ausstellung der Amerikaner in der Torstraße ist der
Gegenbesuch. Aus der Autostadt Detroit kamen Bilder, Objekte, Skulpturen,
die auf völlig unagitatorische und unsentimentale Weise von einem
Brennpunkt des kollabierenden Kapitalismus erzählen. Diese Kunst entstand
genau da, wo Arbeit und Ressourcen knapp und knapper werden, der Mensch
überflüssig wird und damit nicht einmal mehr als Kaufkraft, als Konsument
taugt.
Auch Cyrus Karimipour, Maler und Fotograf, macht
unverblümt zum Motiv, was man über Detroit sagt: Seine Heimatstadt besteht
aus vielen Geisterquartieren. Entseelte Wolkenkratzer fuchteln in den
Himmel, der auch keine Antwort weiß auf die Frage: Wie weiter? Mit dem
seit Jahren schleichenden, jetzt durch die Finanzkrise beschleunigten Tod
der Autoindustrie schwindet die Bevölkerung. Es gibt, das besagen
Karimipours Bilder, kein öffentliches Leben mehr. Von "Niemandsorten der
Hoffnungslosigkeit" spricht er. In seinen grauen Häuser-Collagen mit den
verschwimmenden Konturen und stürzenden Perspektiven jedoch gibt es
Menschen, die einsam nach irgend etwas suchen. Um diese Gestalten in
Jeans, mit Kapuzen und Basecaps hat der Künstler eine Brandspur als Kontur
gelegt - halb Verletzung, halb Schutzwall. Zugleich besagt der brandige
Umriss auch illusionslos, wie wenig Menschen in solcher Situation
erreichbar sind - fürs Gute und Schöne.
Kelly Frank kam zum Studium nach Detroit. Ihre
Fotoarbeit "Call" zeigt zwei kahle, aus dem Strandsand des Eriesees
ragende Äste. Ein ambivalentes Zeichen für Vergehen oder neues Werden,
denn Äste schlagen im Frühling neu aus. In diesem lapidaren Bild steckt
die ganze traurige Geschichte der Region: Detroit, das war einstmals
industrielle Blüte, Reichtum, Bürgerlichkeit. Schon Anfang des 20.
Jahrhunderts wurde es Zentrum der amerikanischen Automobilproduktion. Die
"Großen Drei" - Chrysler, Ford, General Motors - schufen die Autostadt
schlechthin. Hier gab es die erste Straße mit Betonbelag; auch gab es hier,
mit dem "Davison Freeway", die erste Stadtautobahn Amerikas.
Lange prahlte Detroit mit einem Wirtschaftswachstum
sondergleichen. Die Zahl der Bewohner stieg zwischen 1900 und 1950 auf
1,85 Millionen. Die amerikanische Boomtown des frühen 20. Jahrhunderts
indes erlebte ab den fünfziger Jahren einen dramatischen Abstieg. Die
Autokonzerne und andere Industriezweige begannen schon damals, ihre
Produktionsweise zu verändern und die Fertigung in Vorstädte und den Süden
der USA zu verlagern. Hinzu kam der Rassenkonflikt. Die weiße
Mittelschicht, voller Ressentiments gegen Schwarze, zog an die Peripherie.
1998 waren 78 Prozent der Menschen in den Vororten weiß, 79 Prozent der
Menschen der Innenstadt schwarz.
Die Malerinnen Marla Karimipour und Alison Wong indes
setzen der traurigen Situation ihrer Stadt mit Romantik und Poesie zu.
Erstere malt extrem schmale, intensiv blaugrüne menschenleere Landschaften
mit hohen Himmeln und sehnsuchtsvollen Horizonten, gar einem Mondaufgang
wie in einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde. Jedoch ist die Landschaft bei
Karimipour so nur aus dem Autofenster heraus zu sehen, die Natur zieht
vorbei, erreichbar ist sie nicht. Mobilität, das sagt die Malerin, ist ein
hohes Gut der Freiheit in diesem Land. Aber sie hat ihren Preis. Niemand
geht zu Fuß in Detroit. Keiner bleibt stehen, um mit dem anderen zu reden,
ins Café einzukehren, später spazieren zu gehen.
Wong strichelt in liebevoll-akribischer Manier
Paradiesvögel und Nektar suchende Bienen auf große weiße Bögen. Sie lässt
eine Ratte an einer roten Rosenblüte schnuppern und knabbern.
Die Entvölkerung von Detroit mangels Arbeit, das
erzählen die Bilder des vor fünfzehn Jahren aus dem
nordrhein-westfälischen Lüdenscheid ausgewanderten Malers Hartmut Austen,
war und ist ein Drama. Austen brachte Bilder nach Berlin, die Männer in
Zimmermanns-Kluft zeigen, rote Klamotten und Hüte auf grauem Grund. Er
nennt die Bilder "Spur der Steine", ganz absichtlich nach jenem in der DDR
verbotenen Defa-Film von Frank Beyer. Ganz absichtlich zieht er den
Vergleich: Seine Bilder sagen, wie tödlich es ist, wenn das System, wenn
Politik und Wirtschaft proletarisches Handwerk, Arbeitskraft, Engagement
für unbrauchbar erklären. Austens "Ballas" stehen arbeitslos im Bild herum.
Abgewickelt. Egal, ob Autobauer, Bauhandwerker, Zulieferer oder
Kneipenwirt.
Doch gibt es Versuche einer Reurbanisierung. "Discover
The New Detroit", lockt die Detroiter Tourismusbehörde auf ihrer Website.
Das "neue Hoffnungen" weckende Detroit ist klein; es liegt zwischen den
Wolkenkratzern des Geschäftsviertels und dem alten, wieder hergerichteten
Vergnügungsviertel Greek Town. Es gibt ein neues Baseball- und ein neues
Footballstadion, drei Spielcasinos. Und im Museum of New Art docken junge
Künstler an die Weltkunst an. Auch die Musikindustrie versucht, einen
Standort für Labels zu etablieren. Dabei baut sie auf große Namen: Alice
Cooper, Aretha Franklin und Madonna stammen aus Detroit.
Für das heutige Detroit zu werben, sei eine
Herausforderung, schreibt der amerikanische Urbanist William J.V. Neil.
Die leuchtenden Vergnügungstempel und die frisch renovierten Fassaden der
Downtown sind tatsächlich ein zu dünnes Make-up, um das kaputte Gesicht
der restlichen Stadt zu verdecken. Und es ist, als beschwöre die
Bildhauerin Mary Fortuna mit ihren tragikomischen Lederpuppen - die sie
als Teufel, Schaf, Fuchs und Vogel von der Berliner Galeriedecke baumeln
lässt und in denen sich Voodoo-Zauber mit abendländisch religiösem
Mummenschanz synkretistisch vereint - die "guten alten Zeiten" als
Marionettenspiel.
Galerie Eva Bracke, Torstraße 170, bis 4. Januar. Di-Fr 12-18, Sa 14-18
Uhr.
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Foto: Missy Wiggins - "Passing in Detroit", 2008