![]() Sozialistische Tageszeitung • Mittwoch, 10. Dezember 2008
Stilvoller Niedergang»Made in Detroit – Changing Cities« in der Galerie Eva Bracke
Von Anouk Meyer
Von weitem wirken die sechs Männer mit den breitkrempigen Hüten und dem
großspurigen Gang wie einem Western entsprungen: ganz in Schwarz gekleidet,
Hände an der Hüfte. Erst bei näherem Betrachten erkennt man die Figuren,
die einem auf dem Bild von Hartmut Austen entgegen kommen, als coole
Zimmermann-Brigade aus dem Defa-Film »Spur der Steine«. Der in Deutschland
geborene und seit Jahren in Detroit lebende Maler spielt mit dem Gegensatz
zwischen Figürlichem und Abstraktem, seine Werke erzählen Geschichten –
typisch für die Ausstellung »Made in Detroit – Changing Cities«, die noch
bis 4. Januar in der Galerie Eva Bracke zu sehen ist. 13 Künstler aus der
amerikanischen Autostadt hat Eva Bracke in ihrer Galerie und einem
angrenzenden Raum versammelt. Eine Art Kunstaustausch, denn im Sommer
hatten neun Berliner Künstler ihre Werke bereits in Detroiter Museum of
New Art gezeigt.
In mancher Hinsicht ist Detroit der deutschen Hauptstadt durchaus nicht unähnlich: Beides sind Städte, die stark vom Wandel geprägt sind – Berlin durch den Wegfall der Mauer und die neue Rolle als internationale Metropole, Detroit durch den schleichenden Rückzug der jahrzehntelang dominierenden Autoindustrie. Der Mangel an Arbeitsplätzen führte hier zu viel Kriminalität, Bevölkerungsschwund und Leerstand. Davon erzählen etwa die montierten Fotocollagen von Cyrus Karimipour, dessen schemenhafte Figuren vor schrägen Straßenecken Trostlosigkeit und Einsamkeit dokumentieren, gleichzeitig aber auch poetisch und geheimnisvoll wirken. Eine sozialkritische Arbeit, die die Veränderung vom Vollständigen zum Unvollständigen, vom Schönen zum Hässlichen zeigt. Die menschenleeren, entseelten Landschaftsbilder seiner Frau Marla, gemalt in satten Farben aus der Perspektive eines vorbeifahrenden Autos, lassen an einen modernen Edward Hopper denken. Das Thema Einsamkeit steht auch im Mittelpunkt der Fotografien von Stig Eklund, die aus selbst gedrehten Videos des Künstlers stammen – eine Frau in einem Hotelzimmer, der leere Flur eines Amtes, in den die Beine eines Wartenden ragen. Bei Kelly Frank, die zum Studium nach Detroit zog, symbolisiert die Aufnahme eines leeren Strandes bei Ebbe den Wandel. Missy Wiggins verwandelt gleich selbst – ihre tragikomischen Fotos von sechs Europäern, die sie mit dem PC zu Schwarzen umgemodelt hat, erinnern an die Tatsache, dass die Bevölkerung von Detroit mittlerweile zu mehr als 80 Prozent schwarz ist; nicht zufällig ist hier das Motown-Label entstanden, das die Soul- und Popmusik maßgeblich beeinflusst hat. Doch enthält die Ausstellung auch schöne, zarte Werke wie die
unglaublich detaillierten Zeichnungen von Alison Wong, die eine Ratte an
einer Rose schnuppern oder einen Vogel mit Bienen fliegen lässt. Auf
altmodische Art anrührend sind die an Schnüren hängenden, ca. 30
Zentimeter großen Lederpuppen von Mary Fortuna; Tod, Teufel oder Vogelmann
erinnern ebenso an Marionettentheater wie an Voodoo.
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